Rassismus in Österreich. Wie wir unsere Ghettos selber erschaffen.

Posted in Storytelling, Geschichten des Lebens
on 3. Mai 2018

Man stelle sich vor, halbneun morgens, am Grazer Hauptbahnhof, ein Mann reißt einem anderen den Rucksack weg, dieser lässt nicht los, ruft nach Polizei. Warum das ein Bild unserer Gesellschaft ist, und insbesondere zeigt, wie sehr wir diskriminieren im Alltag, lest im Beitrag nach.

Das Leben im Dorf, in der Steiermark ist beschaulich. Fuchs und Hase sagen sich gute Nacht, und irgendwie ist alles wie in einem Kokon der Traditionen. Ich mag es hier. Was ich nicht mag, ist der Level an Rassismus und Ignoranz der sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht.

Ein Raub am Tag ?

Ein fast lächerliches Erlebnis zeigte mir, dass Zivilcourage in Österreich eine Hautfarbe hat, und dass man als Nicht-Österreicher in einer gefährlichen Blase der eigenen Kultur leben – muss.
Mein Weg in meine neue Arbeit führt mich über den Grazer Hauptbahnhof, der mittlerweile auch ein Drehpunkt für Randgruppen der Gesellschaft zu sein scheint. Ich spaziere da Richtung Arbeit, und sehe aus der Ferne wie zwei Männer an einer Tasche zerren. Ein dunkler Hauttyp, und ein hellerer. Fremde Sprache. Offensichtlich will der eine den Rucksack, und der andere gibt ihn nicht her.
Wenn man jetzt nachdenkt, könnte das ein Raubüberfall sein, ohne Waffen. Der Beraubte wehrt sich halt. Aber beide sprechen eine nicht örtliche Sprache. Ich fange einen Blick auf, der Mann ruft mir zu “Polizei”. Der andere sieht mich , sagt das plötzlich auch. Zu dem Zeitpunkt denke ich, dass sich halt zwei streiten, ruf ihnen zu sie sollen doch ins Bahnhofsgebäude gehen, und muss weiter. Immerhin ist mein erster Arbeitstag. Aber hinter mir seh ich immer noch Gerangel, immer noch der Ruf nach Polizei, und sie ziehen  sich fast auf die naheliegende Straße. Ich kann da einfach nicht weg gehen, sammle meine komplette Stimme und brülle mal ordentlich los, sie sollen sich jetzt loslassen. Tun sie nicht. Allerdings hat meine Ansage Passanten motiviert stehen zu bleiben. Und auf einmal stehen vier Männer um mich. Schauen dem Gerangel zu, tun nichts. Fragen mich was los ist. Hören, dass der eine nach Polizei ruft. Statt dass einer dieser Männer aktiv wird, sehen sie zu, und einer sagt sogar “na ruf doch selber an, du hast ja eh ein Handy bei der Grenze bekommen!”

Vier Männer und eine Frau

Was mich nun im Nachhinein bei dieser Situation schockt, ist dass von fünf Menschen eine geholfen hat, und die Polizei rief. Und dass vier kräftige Männer einfach zusahen. Als ich dann den Notruf absetzte, waren alle weg.  Bloss nicht reingezogen werden. Einer stand noch da, aber der sagte zu mir, wer wäre nur wegen mir stehen geblieben. Ach so? Ich bin zu beschützen, aber ein anderer Mann nicht? An der Stelle muss ich auch klarstellen, dass ich niemals gefährdet war. Ich stand in Sicherheitsabstand zu den beiden, und offensichtlich waren sie unbewaffnet.

Rassismus im Alltag. Was, wenn der hellere von beiden Österreicher gewesen wäre.

Heute in der Früh kam mir dann der Gedanke, was wenn der andere  offensichtlich Österreicher gewesen wäre. Ein Businessmann , im Sakko, mit gutem Auftreten. Ich glaube dann wären sie alle eingesprungen. Denn dann wäre das ja klar ein Raubüberfall für sie gewesen. Der böse Ausländer raubt den braven Bürger aus. Dann hätten sie geholfen. Wären von ihren Bobo-bikes gesprungen und hätten sofort die Polizei gerufen.

Warum wir alle ein bisschen mehr Mitgefühl zeigen sollten.

Ich gebe zu, ich wollte auch nicht eingreifen, kam mir blöd vor die Polizei zu rufen. Aber ist der Hilfeschrei eines Ausländers weniger wert als der eines Inländers? Für viele Österreicher schon. Sie beschweren sich, dass die Ausländer hier leben und sich nicht integrieren. Aber wie sollen sie das tu,n wenn wir ihnen nicht helfen? Ein Hilfeschrei ist ein Hilfeschrei, egal warum. Und die Polizei ist für uns alle da, nicht nur für den Schutz von Österreichern.

Wie wir Ghettos selber erschaffen

Und mit diesem Verhalten erschaffen wir die Ghettos über die sich alle beschweren. Indem wir Menschen sich selber überlassen, und uns darauf ausreden, dass zB lautstarkes Schreien halt ihre Kultur wäre. Indem wir ihnen nur bestimmte Bezirke zum Wohnen zur Verfügung stellen, weil alles andere zu teuer ist. Indem wir mit einem Menschen der unsere Sprache lernt reden wie mit einem Idioten, anstatt ihm im besten Hochdeutsch endlich mal Erfolgserlebnisse zu schaffen. Indem wir Menschen die anders aussehen in eine Kategorie stecken, und dadurch den Ausstieg aus der Zuordnung unendlich schwer machen.

Ich liebe mein Land, ich bin dankbar hier geboren zu sein. Allerdings bereitet mir dieser Rassismus dem wir täglich begegnen Sorgen, und ich frage mich wohin eine Gesellschaft geht, wenn sie das Mitgefühl und Respekt für andere Menschen verliert. Egal welcher Hautfarbe, Sprache oder Religion diese hat.

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