Der Ja-Aber Fluch, eine Geschichte

Posted in Storytelling, Geschichten des Lebens
on 18. Juli 2016

Aurora war ein glückliches Kind. Sie kam auf diese Welt in der Annahme, dass ihr alles möglich sei, was sie sich wünscht. Sie wollte Prinzessin sein, Astronautin, Managerin und Sportwagenfahrerin. Sie wollte ihre Wünsche leben dürfen und sich auch was vom Leben erwarten. Aurora wusste jedoch nicht, dass sie in eine Familie geboren wurde, auf der ein fürchterlicher Fluch lastete. Es war der „Ja-aber“ Fluch. Ein Zauberer hatte sie vor Jahrhunderten damit belegt. Er wollte nichts böses, er war einsam und wollte nur, dass alle bei ihm blieben, und das war am besten möglich, indem sie nichts neues wagten. Also wünschten sich schon seit Generationen die Menschen in dieser Familie etwas anderes in ihrem Leben, wagten aber nicht den letzten Schritt zu tun, um etwas neues oder gewagtes zu beginnen. Stattdessen kam im letzten Moment ein fieser Zwerg, der in ihrem Kopf immer wieder Kreise drehte, und ihnen von neuem sagte „das kannst du nicht, das kannst du nicht, was glaubst du der du bist?“.

Aurora wuchs also behütet und glücklich auf, aber immer mehr begrub sie ihre Träume. Jeder einzelne wurde  beschnitten, so dass am Ende nur die Dinge über blieben, die ihr Überleben sicherten. Sie war erwachsen, also sollte sie etwas vernünftiges lernen, und sich nicht ständig neue Flausen überlegen. Und doch – da kam immer wieder ein anderer Zwerg, der sie in der Nacht besuchte. Er schickte ihr Träume, und Visionen, und immer wenn dieser Zwerg zu Besuch war, hatte sie Mut etwas neues zu probieren. Doch der Mut verließ sie schnell, wenn sie scheiterte. Und wie es so ist, manchmal muss man Dinge öfters probieren, um herauszufinden wie es richtig funktioniert.

Sie versuchte wirklich ihr Leben so zu leben wie es vorgeschrieben war. Ohne Risiko, ohne Abenteuer und mit viel Sicherheit. Aber diese Sicherheit lähmte sie, machte sie krank und wirr im Kopf. Ihre Seele weinte, und ihr Körper auch. Sie konnte nicht mehr damit aufhören. Also ging sie zu einer Hexe, die sollte ihr helfen. Aber die Hexe war eine Helferin des Zauberers und er wollte nicht, dass der Fluch endlich aufgehoben wurde. Und so gab ihr die Hexe nur Kräuter geben, doch diese Kräuter machten alles noch schlimmer. Aurora spürte, dass sie nichts mehr spürte. Wie in einem dunklen See fühlte sie, dass in der Tiefe ihres Wassers Gefühle begraben lagen, die sie nicht sehen konnte, und die Kräuter begruben ihre Gefühle immer mehr. Sie weinte nicht mehr. Aber sie fühlte auch nicht. Sie war ein dunkler ruhiger See, bei dem die Bewegung in der Tiefe seines Untergrunds stattfindet. In ihr drehten sich die Wirbel. Aber sie konnte sie nicht mehr fassen. Sie sah die ruhige Oberfläche und verstand nicht, dass darunter immer noch so viel Bewegung war.

Aurora lebte damit. Sie wusste, dass sie niemals ausleben dürfte was sie sich wünschte, aber sie akzeptierte es, wie ein Todkranker das Urteil seines Arztes. Aber man ist nicht tot, solange man lebt, also gab es in ihr eine Art Wasserlilie, die immer wieder aus den Tiefen ihres Sees aufkam, und ihr zeigte, dass da unten mehr passierte als oben sichtbar war. Diese Lilie barg ein Geheimnis. Es war eine Perle, die wuchs je länger man sie am Licht ließ. Und so wuchs diese Perle. Zuerst dachte sich Aurora nichts dabei, aber dann wurde sie neugierig, sie sah sich das innere der Blüte genau an. Und war erstaunt. Da hatte sich diese Perle in einen kleinen Buddha verwandelt. Der saß da und sah sie nur an. Der kleine Buddha war die Erinnerung ihrer Seele. Er musste nichts sagen. Er brauchte sie nur anzusehen und sie spürte einen Schmerz in ihrer Brust. Es war der Schmerz des Erinnerns. Es war der Schmerz der einem zeigt, dass man noch lebt, dass man Träume hat. Dass diese Träume niemals sterben. Nachdem dieser kleine Buddha aufgetaucht war, fand Aurora es schwer das Spiel mitzuspielen. Das Spiel des Lebens, wo jeder nur klein bleibt, und ja nicht zu viel wünscht. Sie fand ein Zitat einer berühmten Schriftstellerin „wer bist du, dass du es nicht sein darfst?“ und begann sich zu fragen, warum sie wirklich nicht begnadet sein durfte. Wenn sie ein Teil dieser Schöpfung war, mit all seinen Wundern, tiefen inneren Seen und Tälern und Gebirgen und Meeren. Warum sollte sie dann nicht auch ein Wunder leben dürfen. Warum musste sie dann ihre Träume begraben, wenn sie doch ein Wunder sei? Jeder Mensch auf dieser Welt ist ein Wunder, und ein Ebenbild einer wundervollen Schöpfung. Warum nur lassen diese Menschen sich von Angst und Macht klein halten?

Die Frage beschäftigte Aurora und sie machte sich in ihrer Seelenwelt auf die Suche. Sie ging durch Täler und Berge, durch Meere und Flüsse, auf der Suche nach dem Ort an dem sie eine Antwort fände. Und da gab es dann diesen Ort. Ein Platz der roten Erde, mit roten Bergen und grünen Bäumen. Ein Platz an dem sie in die Erde kriechen konnte und ihre Ahnen befragen konnte. Sie ließ die Trommeln spielen und hörte dem Atem ihres Lebens. Und im Kreise ihrer Ahnen fand sie die Antwort auf ihre Frage. Warum bin ich hier. Es war eine so einfache Antwort, es war Liebe die uns hier her brachte, und es ist Liebe die uns hier hält. Zum ersten Mal erfuhr Aurora von dem Fluch ihrer AhnInnen. Sie bedankte sich beim Zauberer, der ja nichts böses im Schilde führte, für die Lektion und gab ihm seinen Fluch zurück. Denn Liebe lässt frei, und Liebe lässt fliegen. Er wusste es nicht besser, seine Liebe war regiert von Angst und Macht, und das macht die Liebe schwer und lähmt die Träume. Aurora dankte ihren AhnInnen für die Antworten auf ihre Fragen und wusste nun, dass sie immer dahin kommen konnte um Hilfe zu bekommen. Sie kannte den Ort ihrer Seele und war ihm in Dankbarkeit verbunden. Sie kehrte zurück an den tiefen See und fand ihn verändert vor. Das Dunkle war gewichen. Sie sah auf den Grund des Sees. Je mehr sie sich ihren Träumen zuwand, und der Hoffnung in ihrem Leben, desto klarer wurde der Grund. Die dunklen Wirbel verschwanden, und sie sah das grüne Wassergras wehen, die Wasserblumen kamen an die Oberfläche, und die Fischlein flitzten. Die dunklen Orte in ihrem See waren ihre Erinnerung an das Dunkle, dass sie einst gefangen hielt, und sie versprach sich diese Erinnerung zu ehren als etwas, dass sie in ihrem Leben nicht brauchte. Und die Lilie mit dem kleinen Buddha thronte in der Mitte des Sees. Voll Ruhe und Liebe sah er auf die Tiere und Pflanzen des Sees und lächelte. Manchmal bedarf es keiner Worte um zu verstehen.

© K. Gindra-Vady, Juli 2016

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