Der Tag an dem der Kranich kam, oder, warum es sinnvoll ist die Flügel in der Sonne trocknen zu lassen

Posted in Storytelling, Geschichten des Lebens
on 22. September 2015

März 2014

Ich gebe zu, ich hab mir zuviel auferlegt. Habe Job, Nachhilfe, Schreiben, Frauenlauf, und sonstiges auf die leichte Schulter genommen, und irgendwie geglaubt, ich hätte mehr Zeit als der Rest der Welt zur Verfügung. Is’ aber nicht so. Auch ich schaffe nur eine begrenzte Zeit auf mehreren Hochzeiten zu tanzen, und irgendwann geht’s dann doch nicht mehr. Dann wird alles zur Belastung. Dinge die mir leicht von der Hand gingen, werden schwer, Beziehungen zu anderen auch, und ich ziehe mich zurück, nur um im nächsten Moment neue Ausweichstrategien zu schmieden. Der Punkt aber kommt an dem ich implodiere, und im optimalen Fall steht ein Freund/Freundin bereit um das auszuhalten, und diese Katharsis an Wörtern, Fluchen und Tränen zu ertragen. Am Tag danach fühl ich mich frei, aber weiß genauso, dass dieser Ausbruch Folgen nach sich ziehen muss. Reduktion von Verpflichtungen.

Während ich also darüber sinnierte, glücklicherweise in einem Park, an einer schönen Wasserstelle, sah ich einen Kranich. Sehr fokussiert suchte der in dem trüben Wasser (wo ich noch nie einen Fisch gesehen hatte) nach Nahrung. Ich fand es amüsant ihm so zuzuschauen, und nahm an, dass er nach erfolgter Futteraufnahme sofort weiterziehen müsse, denn immerhin ist er ja auf Nahrungssuche. Weit gefehlt, dieser Kranich hat das „dolce vita“ für sich gefunden. Nachdem er also eine gute Stunde seinen Runden im Teich stakte, sah ich ihn in der Mitte desselbigen stehen und seinen langen Hals in die Sonne strecken. Und es war nicht etwa ein hektisches „ich muss trocken werden“ sondern ein richtig genüssliches Sonnen. Der lebensfrohe Kranich toppte seinen Wellnessausflug dann auch noch, indem er den Platz auf die naheliegende Insel wechselte, und dort, ungestört durch umgebende Sträucher, streckte er seine Flügel herzförmig aus, um seine Federn zu trocknen.

Und ich, Mensch der ich bin, in meinem selber geschaffenen Hamsterrad gefangen, erkannte, dass ich, um ein gutes Leben zu führen, genau diese Balance wahren muss. Es gibt die Zeit in der wir uns exzessiv Themen der eigenen Erhaltung widmen, aber es muss auch die Möglichkeit für Ruhe geben. Fürs Ausruhen, fürs Ankommen, fürs Gefieder trocknen, oder einfach nur um den Vögeln im Baum zu lauschen.

Und genau das tu ich jetzt. Glücklicherweise hat der Frühling Einzug gehalten, und ich lasse meine Flügel trocknen. Einfach nur so, weils schön ist.

Der Text ist Eigentum der Urheberin Katharina Gindra-Vady und nur nach erteilter Genehmigung zu verwenden
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